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In den Händen der Kriminellen

Autor: Nils | Datum: 24 Januar 2015, 12:46 | 0 Kommentare

Mein Weg führt mich über volle Straßen hinaus aus Cebu City. Es dauert lange, bis sich der zähe Mittagsverkehr langsam auflöst, als Cebu City schon längere Zeit hinter mir liegt. Die Palmen ziehen dahin, über eine große Brücke verlasse ich im Bus sitzend dann den Großraum der Stadt. Plötzlich wird der Verkehr sehr viel weniger. Es geht in die Berge. Meine Anpassung an das philippinische Klima lassen mich bei 23 Grad anfangen zu frieren. Doch die Sonne kommt raus. Ich lasse den Blick schweifen. Grüne Waldwände, braune flussdurchzogene Täler und ab und zu ein SariSari Store, wo man alles mögliche kaufen könnte. Die fleißigen Verkäufer von Erdnüssen, Wasser und Orangen steigen bei jedem Halt ein und aus. Häufig enttäuscht – die meisten haben ihr Wasser direkt am Anfang gekauft. Ich erfreue einen Händler und kaufe eine Packung Nüsse, man muss ja was zu tun haben.

Nach zwei Stunden in Toledo City angekommen, geht es direkt in den kleineren Jeepney. Eineinhalb Stunden weiter, nach Aloguinsan.

Das ist dafür bekannt, dass ein Großteil der Farmer schon im Gefängnis saß. Ich bin etwas aufgeregt. Auf dem Weg hat mich Arnel, mein Begleiter aufgeklärt, dass es im Jahr 2009 eine große Straßenschlacht mit der Polizei gab.

Wir laufen weiter. Eine weitgestreckte Ebene grünenbraunen Gestrüpps ist zu sehen. An beiden Seiten umgeben von grünbewachsenen Bergen. Mein Blick schweift über die Felder und die raren Hütten. Immer wieder laufen wir in unmittelbarer Nähe an Büffeln vorbei, die uns unter ihren großen Hörnern hinweg betrachten.

„Da sind wir“, sagt Arnel. Vor dem Haus liegt ein Mann. In seiner Short und einem alten ärmellosen Shirt liegt er im Schatten und scheint zu schlafen. Die Mittagssonne ist zu warm um auf dem Feld zu sein.

„War er auch....“ beginne ich zu fragen.

„Ja, er war auch im Gefängnis.“ schneidet Arnel meine ungestellte Frage.

„Und ich werde bei ihm leben? Und du wirst später nach Cebu City zurückfahren?“

„Ja, aber du bist nicht alleine. Seine Frau lebt noch hier und sein Sohn. Der war auch im Gefängnis.“

Mein Kopf ist glücklicherweise unter einer Cap versteckt, sonst würde die Sonne mir wohl ernsthaft Probleme beim Denken bereiten.

Der Mann wacht auf. Er schaut uns an. Mit uns meine ich nur mich. Er kennt Arnel bereits. „Americano?“

„Wala. Sa Germany.“

„Oo.“

Er bedeutet uns zu setzen. Wir nehmen Platz. Ich nehme die Stille hier auf dem Land war. Im Vergleich zu Cebu City ist es geradezu idyllisch. Nachts kann man bestimmt die Sterne und Glühwürmchen sehen.

Jetzt sitze ich hier. Bei einem ehemaligen Häftling. Er war eingepfercht in eine vier Mann Zelle mit insgesamt 10 Farmern. Sitzend schlafen, eine schwache Mahlzeit am Tag, keine Rechte.

Nach der Vorstellung und einem großen Schluck Wasser wird mir mein Bett gezeigt. Dann macht Arnel sich auf den Weg zurück. Und ich bin in den Bergen der philippinischen Insel Cebu. In einem 168 Hektar großen Farmland, mit Tatai, dem Althäftling.
(Dieser Artikel könnte sehr viel verstörender wirken, als die wahrhaften Erlebnisse. Das ist gewollt, denn ich möchte ja die lieben Leser nicht langweilen).

Warum war ich dort? Es ist Teil meines Programms, dass ich die Partnerorganisatione der Kirche kennenlerne und hier sind es organisierte Farmer, bei denen ich lebe, bei der Arbeit helfe und den Tagesablauf kennenlerne.

Ist Tatai wirklich ein Krimineller? Nein, er war einer der nettesten Menschen, die ich in meinem gesamten Leben kennengelernt habe.

Warum war er dann im Gefängnis? Weil er für seine Rechte und sein Land eingetreten ist.

War ich wirklich besorgt? Nein, ich habe mich bereits vorher auf diese Zeit in der Stille und Natur gefreut.

Was ist das also? Im Jahr 2009 ist in Aloguinsan das vorgekommen, was in den Philippinen viel zu häufig vorkommt. Eine Person mit Geld hat eine gewisse Summe für ein nichtrechtskräftiges Dokument bezahlt, dass er Land nutzen darf. Auf diesem Land lebten leider einige Farmer (unter anderem Tatai und sein Sohn Jason). Daher baute der reiche Mann einfach einen großen Zaun. Dem widersetzten sich die Farmer, indem sie eine Menschenkette bildeten, sodass die Arbeiten nicht weitergehen konnten. Am nächsten Tag liefen bezahlte Polizisten auf und fingen einfach an Farmer niederzuprügeln und zu verhaften. So landeten meine beiden Gastgeber und 37 weitere Farmer aus Aloguinsan im Gefängnis.

Wer Geld hat kann sowas machen und wer kein Geld hat, naja, der hat halt Pech. Glücklicherweise gibt es an dieser Stelle Organisationen, die sich für die kleinen Leute einsetzt. Die UCCP und auch Fardec (Farmer Unterstützung in den Visayas), die meinen Aufenthalt dort organisiert haben.

Schon schnell wurden die Farmer so befreit und mittlerweile sind 7 von 9 Fällen vor Gericht für die Farmer entschieden worden. Es ist aber leider generell ein Problem, dass Geld regiert.

Ich durfte diese Geschichten aus erster Hand hören und ganz viel nachfragen. Außerdem natürlich habe ich Felder gepflügt, mit Wasserbüffeln vor dem Einmannpflug und Erdnüsse geerntet und verkauft.

Solche Erlebnisse sind inspirierend und bringen einen manchmal an die Grenze zur Wut und gleichzeitig Hilflosigkeit. Doch die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Farmer auf dem Land, lässt mich Menschenrechtsarbeit sehr verstehen. Während ich mir auf der einen Seite der Welt Gedanken darüber mache, was ich morgens anziehe (nagut, ich jetzt vielleicht nicht so sehr), hoffen auf der anderen Seite Farmer, dass nicht wieder ein reicher Mann ankommt und ihr Farmland in eine Plantage umbauen will (der Prozess wird "Landgrabbing" genannt).

 

Und somit liebe Grüße zurück aus Cebu City!
Nils

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